...näher Beleuchtet

 
 
 
Man sagt, die Augen eines Menschen seien die Fenster zu seiner Seele. Als Portraitfotografin weiß ich, dass tatsächlich die Augen eines Menschen viel über ihn aussagen. Sie sind der Punkt auf einem Bild, der automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie sind somit der Ausgangspunkt für unsere Gedanken und Emotionen zum jeweiligen Bild. Blickt der abgebildete Mensch in Richtung des Betrachters, können wir uns besser mit dieser Figur identifizieren und uns Gedanken über ihre Persönlichkeit machen. Doch wenn wir einen Kopf von hinten sehen, lädt er uns dazu ein, in die Geschichte einzutauchen, die er erlebt. Wir nehmen das Geschehen im Bild aus der Perspektive der Rückenfigur wahr.
— Helen Nicolai
 

Das Spiel der Gegensätze

eine Fotoanalyse von Thomas R. Hoffmann

Viele Fragen sich, was es mit dem Mönch auf sich hat, dessen Foto im Eingang zu Helen Nicolais Studio hängt.
Auf dieser Seite erfahren Sie mehr zu unserem wohl ungewöhnlichsten Business Portrait.

 

Das Spiel von Ausgangspunkt und Fluchtpunkt
Ein Bild soll wie ein Fenster sein. Dies postulierte um 1435 der Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti in seinem Traktat Über die Malkunst als ein modernes Kriterium, um ein Gemälde auf der Höhe der Zeit zu gestalten. In selbiger Abhandlung beschreibt Alberti als zeitgemäßes kompositorisches Prinzip die Ausformung des Bildraumes gemäß der Fluchtpunktperspektive. Diese beiden frühneuzeitlichen Kriterien scheint Helen Nicolai als Basis und Gerüst für ihr Foto mit dem Titel „Das Spiel der Gegensätze“ geschickt zu Grunde gelegt zu haben.

Doch in welchen modernen Bildraum lässt uns Helen Nicolai gleich einem offenen Fenster Einblick nehmen? In den eines Atoms! Denn der von der Fotografin gewählte, tunnelartige Blick fällt durch eines der 3, 3 Meter Durchmesser betragenden Rohre des Brüsseler Atomiums, das in 165 milliardenfachen Vergrößerung eine aus 9 Atomen bestehende Zelle des Kristallmodells des Eisens darstellt.

Um dem Bildraum den Halt zu geben, nutzt Helen Nicolai die Querverstrebungen des Rohres als Gefüge, um das ins Bildinnere führende, sich öffnende Fenstermotiv zu präsentieren. Die Längsverstrebungen – unterstützt durch die Handläufe der Rolltreppe – peilen unweigerlich den zentral im Bildmittelpunkt liegenden Fluchtpunkt an, der als erzählerisches Ziel den Fixpunkt des Fotos darstellt. Am realen Ort erreicht der Betrachter eine der 18 Meter Durchmesser betragenden Kugeln, die ein Atom darstellte.

 

Das Spiel von Tradition und Moderne
Doch fern dieser geschickt angewandten kompositorischen Ordnung geht es Helen Nicolai um weitaus mehr, als um einen nach allen Regeln der Kunst ausgewogen wirkenden atomaren Bildraum. Dieser wird von der Fotografin für die buddhistischen Mönche als Erzählraum nutzbar gemacht. Dabei bilden die lediglich als Rückenfiguren auftretenden Ordensbrüder die geistigen Projektionsflächen für den Betrachter, über die er mit Hilfe der Rolltreppe in die Tiefe geleitet wird. Unweigerlich erinnern die Mönche an Rückenfiguren aus einem romantischen Landschaftsgemälde Caspar David Friedrichs.

Doch der atomare Raum des Brüsseler Atomiums scheint zunächst weit entfernt von einem romantischen Blick auf die Welt. Doch geht man vom grundsätzlichen Denkansatz der malerischen Romantik – die kein Stil, sondern eine Weltanschauung war – aus, so zielten die Künstler jener Epoche auf die Verbindung von Tradition und Moderne ab. Und dieses Prinzip verfolgt auch Helen Nicolai in ihrem Foto. Denn welcher Innenraum könnte programmatischer für unsere moderne Welt stehen, als ein Atom, in dem wir als Betrachter des Fotos geradezu drinstecken und es über die buddhistischen Mönche wahrnehmen dürfen.  

 Der Kunsthistoriker, Dozent und Autor Thomas R. Hoffmann kennt die Museumslandschaft Berlins wie seine Westentasche. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Trier und an der Humboldt-Universität Berlin vertiefte er sich in die Kunstvermittlung. So ist Thomas R. Hoffmann heute freier Mitarbeiter zahlreicher Berliner Museen und Autor von bislang 14 kunsthistorischen Büchern.   

Der Kunsthistoriker, Dozent und Autor Thomas R.
Hoffmann kennt die Museumslandschaft Berlins wie
seine Westentasche. Nach dem Studium der
Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Trier
und an der Humboldt-Universität Berlin vertiefte er sich
in die Kunstvermittlung. So ist Thomas R. Hoffmann
heute freier Mitarbeiter zahlreicher Berliner Museen und
Autor von bislang 14 kunsthistorischen Büchern.

 

 

Verschmelzung von Sinnlichem und Unsinnlichem
Caspar David Friedrichs künstlerischem Statement, dass ein Bild nicht erfunden, sondern empfunden sein soll, folgt Helen Nicolai mit ihrer sensiblen fotografischen Sprache. Nicolai hat ein Gespür für das Einfangen des sinnlich Erfahrbaren (Mönche) im Kontext und gleichsam im Dialog mit dem unsinnlich Unerfahrbaren (Zelle des Kristallmodells des Eisens).  Denn an den Wangen der Bewegung suggerierenden Rolltreppe reflektieren sich die orangefarbenen Mönchsgewänder und verschmelzen somit unmittelbar mit dem Umraum. Im Buddhismus ist Orange die Farbe der Weisheit und der höchsten Erleuchtung aber auch der Askese und der Ergebenheit. Die in die Tiefe strebenden buddhistischen Mönche suggerieren in ihrer aus wenigen Einzelteilen bestehenden Kleidung auch Demut in unserer heutigen, immer weiter sich technisierenden und in die kleinste Materie vordringen wollenden, technisierten Welt.

Und so ergeben die Mönche inhaltlich Sinn im Innern des Atomiums, wurde es doch genau vor 60 Jahren als Symbol für das Atomzeitalter und die friedliche Nutzung von Kernenergie eröffnet. Es war das Wahrzeichen der Expo 58 in Brüssel, der ersten Weltausstellung nach dem 2. Weltkrieg. Dieser fand durch den Abwurf zweier Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ein Ende – die verheerenden Folgen sind bis heute spürbar. Das offizielle Motto der Expo 58 lautetet „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit und Fortschritt der Technik.“ Dieses Motto bricht Helen Nicolai 50 Jahre später mit ihrem Foto, in dem sie die Mönche als Motiv einbindet und ihre buddhistische Geisteshaltung des ethisch rechten Handelns im eigenen Leben spiegelt.

„Ein Spiel der Gegensätze“, wie man es bildnerisch besser nicht hätte eingefangen können.

 Das Atomium - Wahrzeichen der Expo 58

Das Atomium - Wahrzeichen der Expo 58

 Das Atomium - Wahrzeichen der Expo 58

Das Atomium - Wahrzeichen der Expo 58


Einen von 20 limitierten Drucken erwerben

So könnte die Fotografie "Spiel der Gegensätze" bei Ihnen zu Hause aussehen.